Nach dem phantastischen Samstag wollte ich Euch kurz vom Nachmittag mit WRjun und WRsen berichten, die ich bei PORSCHE in Leipzig treffen durfte. Das PORSCHE-Zentrum selbst ist nicht nur Produktionsstandort, sondern auch Rennstrecke und UFO-Landeplatz - letzterer ist recht geschickt als PORSCHE-Museum getarnt.
Den UFO-Landeplatz darf man natürlich nicht einfach begehen, also wartete ich wie zu besten Schulzeiten vor dem Haupteingang und 5min später kam WRjun, um mich abzuholen. Der sofortige Unterschied zur Schulzeit war die Tatsache, dass mich damals niemand mit einem PORSCHE Panamera Turbo S abholte, obwohl man mit so einem Fahrzeug ganz sicher quer auf jedem Lehrerparkplatz stehen durfte und es zur Anerkennung bis mindestens 3 Schulklassen höher gereicht hätte.
Wir passierten den Eingangsbereich und ich glaube gesehen zu haben, dass der Pförtner wenigstens andeutungsweise die Hände an die Hosennaht nahm. Inzwischen ertastete ich die materialisierte Gegenleistung zu 200.000EUR, die dank 750Nm lässig in Richtung Rennstrecke rollte und dabei klang, als könnte sie mich jederzeit mit einem brachialen Antritt direkt in die Kardiologie befördern. WRjun schien das nicht weiter zu beeindrucken oder er war bereits kardiologisch erprobt, jedenfalls parkte er in genau dem Moment neben dem UFO, in dem ich beschliessen wollte, den Panamera nie wieder zu verlassen. Ein einziger Meter reichte und ich war wieder in der Welt, die sich ausserhalb des PORSCHE Panamera befindet. Wenn ich mal in Paris sein sollte, werde ich den dort ausgestellten Ur-Meter besuchen und zerknicken - oder ihm wenigstens einen bösen Blick zuwerfen, Meter können jedenfalls sehr gemein sein.
Therapeutisch geschickt hatte WRjun inzwischen wieder einen Meter in Richtung Panamera gemacht und von der Rückbank (natürlich ist das keine Bank, sondern es handelt sich um sagenhafte Oasen aus feinstem Leder) das Geburtstagsgeschenk geholt, das man Walter Röhrl zum 65. machte: ein Rennhelm in adlig-blauer Farbgebung mit Bildern, die lorbeerkranzartig angeordnet Auskunft gaben zu Sternstunden der Rennsportgeschichte. Und damit das mit den Sternstunden auch jemand begriff, der in der Schule vornehmlich tanzen lernte oder die Kindheit ohne Matchbox-Autos verbringen musste (im schlimmsten Fall sogar beides zusammen), wurden Sternbilder am Helm angebracht.
WRjun mit Helm
Helm ohn WRjun
Während wir den Helm unautorisert in unseren Händen hielten und beinahe jede verbale Form der Lobpreisung aufgesagt hatten, ahnten wir nicht, dass wir damit den Meister persönlich riefen. Er erschien mit grossen Schritten und ausgesprochen still aus dem Nichts, ausserdem war er in seiner Kindheit scheinbar noch länger gewachsen als ich es vermutet hatte. Und während ich jede auf der Hinfahrt erdachte Begrüßungsformel aus Gründen der Lächerlichkeit aussortierte, sagte Herr Röhrl mit einem Schmunzeln: "Grüß Gott, ich bin Walter Röhrl." Da ich dem nichts adäquates entgegensetzen konnte, versuchte ich es mit fotografieren:
WRjun mit WRsen und Helm
Anschliessend schlenderten wir wie Männer, denen mindestens ein ganzer Kontinent gehört, zum Start der Rennstrecke. Walter Röhrl war gross genug, um angemessene langsame Schritte zu machen, während ich versuchte, unaufgeregt zu wirken (dabei war ich der Einzige, dem das nicht gelang). Auf der Rennstrecke kreisten Mitarbeiter der Gothaer Versicherung, von denen ich vermute, dass sie nun pleite sein müssen, immerhin haben sie die gesamte Rennstrecke für diesen Tag gemietet, dazu wenigstens ein Dutzend PORSCHE und Walter Röhrl. Wie im Kinderkarussell krochen sie hintereinander her und glaubten, endlich als Formel-1-Pilot entdeckt zu werden, weil sie sogar kurz im dritten Gang fuhren, um dann 200m vor der nächsten Kurve eine Vollbremsung hinzulegen. Das Kinderkarussell hielt an, spuckte debil grinsende Mitarbeiter der Gothaer aus und nahm neue auf - Walter schmunzelte geheimnisvoll vor sich hin. Ich stellte mir vor, wie WRsen mit dem nächstbesten Gothaer über die Strecke schiesst und dessen Weltbild von Fliehkräften und Bremspunkten pulverisiert. Ob die Gothaer auch gegen Übelkeit versichert?
Ich in einer Art des Niederkniens
Im Inneren des UFOs
Am Drive-in-Schalter von McDonalds würde dieses Ensemble bestimmt einen guten Eindruck machen
Von aussen sind diese Boliden wahre Monster, die fauchend am Boden kauern und jeden Sterblichen an genau diese Eigenschaft erinnern. Sie funkeln und beweisen die Schönheit von Kurven eindrucksvoll, aber von innen sehen sie aus wie meine Brotbüchse nach der Hofpause. Man hat beim Anblick der wahllos angeordneten Knöpfe fast das Gefühl, einen Euro einwerfen zu müssen, um anschliessend blinkend und hupend herumzuschaukeln. Dazu ein Sitz, gegen den selbst ein Kletterfelsen die reinste Bequemlichkeit darstellt. Die Gurte baumelten wie unmotivierte Bindfäden herum und ich war überzeugt, dass die Henkel der Einkaufsbeutel, die früher meine Omi nähte, stabiler waren.
Als sich erste Bereiche des Sprachzentrums zögerlich von ihrer stillen Ergriffenheit befreiten, mussten wir schon wieder Abschied nehmen.
Was habe ich gelernt?
WRjun ist ein unglaublich netter und sympathischer Mensch
WRsen ist auch ausserhalb von Autos faszinierend
Es lohnt sich offensichtlich, bei der Gothaer zu arbeiten, obwohl man dadurch erwiesenermaßen noch lange kein besserer Fahrer wird
Nach einem Treffen mit Walter Röhrl fährt man die Autobahn viel schneller nach Hause
Ein TTRS beschleunigt zwar ähnlich wie ein 911 GT2 RS bis 100km/h, aber sonst trennen diese Autos Welten
Nun schaue ich in einer Art Automatismus täglich in den Briefkasten, weil ich Post von meiner Versicherung vermute. Mir ist unbegreiflich, warum die Einladung noch nicht zugestellt wurde. Ich will mich auch bis zum dritten Gang vorwagen und dann mit schmerzhaft verzerrtem Grinsen aus einem PORSCHE steigen - dann bin ich der König des Bremspunktes!